Selbstverständnis

Ich komm aus der Wüste aus Stahl und Glas
Ich komm aus der Wüste aus Angst un
d Hass

Die tägliche Repression, der wir ausgesetzt sind, ist fast genauso subtil wie sie brutal ist. Ihr bittersüßer Charme macht sie auf schreckliche Art und Weise erduldbar. “ Uns geht es doch gut, warum beschwert ihr euch? „ wettern die Angepassten, während sie sich artig hinter den Sichtblenden ihres Kleinbürgerdaseins verstecken und streberhaft versuchen, das Elend am sogenannten „Rand“ der Gesellschaft und darüber hinaus auszublenden – dabei aber vergessen, dass sie schon lange selbst davon betroffen sind. Es ist eine entfremdete Welt, in der wir uns befinden. Wo Solidarität und das Recht auf ein würdevolles Leben durch aggressive Dekontextualisierung mit nichts anderem als Schmarotzertum gleichgesetzt werden, wo Freiheit einzig und allein bedeutet, alles und jeden aufkaufen zu können. Es braucht keine großen Propagandist*innen mehr, um breite Teile der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass ein gerechtes Sozialsystem nicht möglich ist – geschweige denn ein ganz anderes Gesellschaftsmodell. Schon das Wort „Krise“ ist genug, um jegliche moralischen Bedenken vom Tisch und gleichzeitig aus den Köpfen der Menschen zu wischen. Etliche Glaubensbekenntnisse der Marktradikalen haben jede Ebene unserer Gesellschaft durchdrungen und schürren die Ängste vor dem sozialen Abstieg.

Achte den Markt oder du bist nicht mehr verwertbar.
Verwertbarkeit heißt Akzeptanz.
Nutzlosigkeit heißt Isolation.

Die plumpe Emotionalisierung der Massen hat einen absurden Grad erreicht. Mit dem Trumpf der Wirtschaftlichkeit im Gepäck, begrüßt die politische Elite unter Jubelstürmen der Intelligentsia sogar den widerwärtigsten Massenmörder mit Handschlag und sinniert später über wirtschaftliche Beziehungen und die neueste Aufstandsbekämpfung. Frieden? Frieden ist nicht wirtschaftlich, Frieden produziert keine Nachfrage. Die Früchte der Waffen dagegen generieren eine kapitalistische Utopie – Es hat etwas symbolisches, wenn sich Frankreich und Libyen mit Waffen aus Deutschland die Köpfe einschießen.
Die Menschlichkeit wurde hier nicht etwa herausextrahiert, sie war schlicht nie ein gewichtiger Faktor.

Denn das politische System und der Markt, welche in letzter Konsequenz die sogenannten westlichen „Werte“ bilden, sind nicht nur die Säulen unserer götzendienerartigen Existenz, sie sind unsere Existenz.

Ich komm' aus dem Land der vergifteten Straßen
Wo man den Tag verkaufen muss
um sorglos zu schlafen

Woher kommt der Glaube, Arbeit sei etwas positives? Die Verklärung der Lohnarbeit ist ein zentrales Element der so verachtenswerten, wie real nicht existenten, deutschen Leitkultur. Unter dem Vorwand des gesellschaftlichen Nutzens werden all jene zu sozialen Parasiten erklärt, die es wagen, der Ausbeutung kritisch gegenüber zu stehen. Doch wo ist der Nutzen für die Allgemeinheit, wenn Gewinne privatisiert werden, wenn Arbeit das Leben dominiert und den intellektuellen, kulturellen und körperlichen Zerfall der Menschheit mit Peitschenhieben vorantreibt?
Arbeit, das ist das nötige Übel, der unvermeidbare Aufwand um den erwünschten Lebensstandard zu erreichen. Je weniger umso besser. Kapitalismus jedoch verfolgt einzig die Logik der Profitmaximierung; seine Konsequenzen sind auf globaler Ebene katastrophal. Und während der gemästete Abendländer gerade seine Pizzareste in den schon überfüllten Mülleimer quetscht läuft im Fernsehen der Aufruf einer x – beliebigen Hilforganisation, die mit Hungerbäuchen und Kulleraugen Geld für die nächste chronische Hungerkrise sammelt.

Mangel im Überfluss, Armut im Wohlstand. Für  Kapitalist*innen sind dies schlicht notwendige Übel. Für uns ist es die ewig gleiche Leier aus Chauvinismus und emotionaler Kälte.

Schluss damit.

In dieser perspektivlosen Wüste suchen wir nach der Oase. Wir werden nicht auf Parteien vertrauen, nicht auf Repräsentant*innen, die an keine Weisung gebunden sind. Wölfe im Schafspelz, ohne Abwahlmöglichkeiten – Eine “Demokratie” ohne Ausweg.

Die Minimalforderung kann nur sein, auf Basis von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung eine neue Form des Zusammenlebens zu errichten, die Hierarchien zu jedem Zeitpunkt verneint und kooperativ wirtschaftet. Eine Welt ohne Grenzen, ohne Nationen. Eine Welt ohne Ausgrenzung.

Tatsächlich gibt es unzählige Beispiele für anarchistische Gesellschaften, in der Historie sowie heutzutage. Viele haben ihre Schwächen, einige zerbrachen auch daran. Doch oft entstand in kürzester Zeit eine gerechte, solidarische Gesellschaft, die auch unter schwersten Bedingungen mehr Verantwortung und Respekt vor dem Leben hatte, als es unseren jetzigen Strukturen jemals zulassen könnten.

Unser Kollektiv nimmt es sich zur Aufgabe, die oft sehr tragischen Geschichten des Anarchismus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, daran zu wachsen und ein Gefühl für die Energie von Solidarität und Freiheit zu bekommen.